Der langweiligste Wettbewerb der Welt

Die Ergebnisse des Wettbewerbs zur Überdachung der Koksofenbatterie auf dem Gelände der Zeche Zollverein sind veröffentlicht. Was bleibt, ist vor allem eines: Ratlosigkeit. Nicht wegen radikaler Entwürfe. Nicht wegen mutiger Haltungen. Sondern wegen ihrer fast vollständigen Abwesenheit.

Die Aufgabe klang vielversprechend. Die Überdachung der Koksofenbatterie, ein Monument der Schwerindustrie, Raum gewordene Hitze, Materialisierung von Arbeit, Maßstab gewordene Technik. So ein Ort ruft nicht nach dekorativer Geste, sondern nach architektonischer Haltung und er verträgt den Widerspruch.

Und was bekommt man?

Die große Zurückhaltung

Architekturwettbewerbe versprechen Offenheit, Vielfalt, Diskurs. In der Realität produzieren sie häufig Konvergenz. Auch hier: leichte, reversible Konstruktionen; filigrane Tragwerke; transluzente Hüllen; möglichst geringe Eingriffe in die Substanz; demonstrative Zurückhaltung in Form, Material und Ausdruck.

Dabei fordert die Denkmalpflege keineswegs Unsichtbarkeit. Eines ihrer Prinzipien ist der klar ablesbare Unterschied zwischen Bestand und Ergänzung. Die Intervention muss auch als solche erkennbar bleiben und sich zeitgenössisch, eigenständig, präzise präsentieren.

Genau das erreichen die prämierten Beiträge nicht.

Statt eine erkennbare Gegenwart zu formulieren, suchen sie die Annäherung. Sie passen sich in Maßstab und Tektonik an, halten sich formal zurück und greifen zu Materialien, die Nähe zum Industriellen signalisieren sollen – etwa bewusst eingesetzter Cortenstahl, dessen künstlich gealterte Patina Verwandtschaft suggeriert. Das Neue tarnt sich als schon immer Dagewesenes.

So entsteht keine produktive Differenz, sondern Kongruenz. Keine Ergänzung, sondern atmosphärische Angleichung. Das Ergebnis ist weder radikaler Kontrast noch präzise gesetzter Zeitstempel, sondern eine ästhetische Mittelzone, in der das Neue möglichst wenig als Neues in Erscheinung tritt.

Dabei war Zollverein einmal radikal

Gerade das macht die Sache so irritierend, denn der Standort selbst erzählt eine andere Geschichte. Die „schönste Zeche der Welt“ ist kein Ort architektonischer Zaghaftigkeit. Er ist das Resultat entschiedener Setzungen.

Als OMA zusammen mit Böll Architekten das Ruhr Museum in der ehemaligen Kohlenwäsche realisierte, war das keine Geste der Unsichtbarkeit. Die ikonische orange Rolltreppe, die präzise Inszenierung der Wegeführung, die selbstbewusste Setzung neuer Elemente im Bestand – all das war Transformation durch Addition, nicht durch Unterordnung. Der industrielle Raum wurde nicht museal beruhigt, sondern neu gelesen.

Ähnlich verhält es sich mit dem SANAA-Gebäude. Der nahezu abstrakte Kubus steht als autonome Figur neben den historischen Anlagen. Keine Imitation, kein Zitat, keine Patina-Strategie, sondern radikale Eigenständigkeit.

Auch der Neubau der RAG von Kadawittfeldarchitektur setzt einen klaren zeitgenössischen Akzent. Präzise, kraftvoll, materiell bewusst. Ein Gebäude, das die industrielle Logik – Maßstab, Serialität, Materialität – aufnimmt, ohne sie zu kopieren.

Diese Bauten haben den Standort transformiert, weil sie nicht unsichtbar sind. Sie beziehen sichtbar Stellung und haben Zollverein aus dem industriellen Tiefschlaf in eine kulturelle Gegenwart überführt. Sie haben gezeigt, dass Welterbe nicht Stillstand bedeutet, sondern Auseinandersetzung.

Und heute?

Vor diesem Hintergrund wirkt der aktuelle Wettbewerb wie ein Rückzug ins Ästhetisch-Vorsichtige. Als hätte man vergessen, dass gerade die radikalen Ergänzungen den Ort international relevant gemacht haben.

Eine Überdachung der Koksofenbatterie hätte die nächste selbstbewusste Intervention sein können: eine klimatische Maschine, eine energetische Infrastruktur, ein konstruktiver Kommentar zum Maßstab der Industrie. Eine Struktur, die die rohe Linearität der Batterie nicht umspielt, sondern konfrontiert.

Stattdessen dominieren Lösungen, die vor allem eines wollen: nicht auffallen.

Das Problem heißt Verfahren

Das Problem liegt nicht in den Entwürfen. Es liegt im Verfahren.

Architekturwettbewerbe sind heute hochgradig regulierte Prozesse die juristische, politische und ökonomische Sicherheit produzieren. Sie minimieren das Risiko und damit auch die Möglichkeit zeitgenössische relevante Denkmalpflege zu betreiben.

Die Rahmenbedingungen sind oft so eng gefasst, dass nur noch Optimierung möglich ist. Technische Machbarkeit, Kostenklarheit, Nachhaltigkeitskennwerte, denkmalpflegerische Verträglichkeit – all das ist wichtig. Aber nichts davon lässt Raum für architektonische Dringlichkeit.

Hinzu kommt die Auswahl der Teilnehmer. Immer wieder treten die gleichen etablierten Büros gegeneinander an. Die Zulassungskriterien wie Referenzen, Umsatzgrößen, realisierte Projekte vergleichbarer Dimension sind so hoch, dass junge Büros faktisch ausgeschlossen werden. Wer noch nichts Großes gebaut hat, darf nichts Großes bauen. So reproduziert das Verfahren sich selbst. Die ästhetische Bandbreite schrumpft nicht nur aus inhaltlichen, sondern auch aus strukturellen Gründen.

Was entsteht, ist Konsens als ästhetisches Ideal und somit auch strukturelle Langeweile.

Ein Wettbewerb an einem der bedeutendsten Industrieorte Europas hätte eine Debatte auslösen können: über Denkmalpflege im 21. Jahrhundert, über Transformation, über Klimaanpassung großer Infrastrukturen, über die Zukunft von Industriekultur. Zollverein hat längst bewiesen, dass radikale neue Architektur und Welterbe kein Widerspruch sind, sondern ein produktives Spannungsverhältnis. Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet hier nun die Ästhetik der Anpassung dominiert.

Nicht die Entwürfe sind langweilig. Sondern das System, das sie hervorbringt.

Und solange sich daran nichts ändert, wird der nächste Wettbewerb, egal wie spektakulär der Ort, wieder vor allem eines sein: erstaunlich vernünftig und erschreckend harmlos.

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2025